Sie sind hier:  » Große Herausforderungen für den Rettungsdienst

Große Herausforderungen für den Rettungsdienst

DRK lud zur Diskussion über neue Aufgaben ein

Chaim Rafalowski

Dr. Rolf Erbe

Mit der Zukunft des Rettungsdienstes in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigten sich knapp 100 Teilnehmer des 10. DRK-Rettungsdienstsymposiums am 8. September 2017 in Schwerin.

Wichtige Schwerpunkte waren dabei die Bedingungen für Hilfsorganisationen bezüglich der Ausschreibung des Rettungsdienstes, die Sicherung des Einsatzes von Fachkräften sowie die neue Bedrohungslage durch den Terrorismus.

Werner Kuhn, Präsident des DRK-Landesverbandes, betonte bereits in seiner Begrüßungsrede, dass die Hilfe für Menschen in Not und somit die Wahrnehmung rettungsdienstlicher Aufgaben seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis und den Kernkompetenzen des Roten Kreuzes gehört. „Auch im Rettungsdienst gewinnt im Zuge knapper werdender Ressourcen im Gesundheitswesen der effektive Mitteleinsatz an Bedeutung. Schnittstellen zwischen allen Versorgungsbereichen müssen optimal gestaltet, technische Innovationen sowie neue medizinische Behandlungsmöglichkeiten schnell bewertet und im Sinne einer optimalen medizinischen Behandlung in die Versorgungsstrukturen eingebunden werden“, schilderte der Präsident einige Herausforderungen für den Rettungsdienst. Dass die Anforderungen an die Mitarbeiter des Rettungsdienstes wachsen, belegen letztendlich die steigenden Einsatzzahlen. „Der DRK-Landesverband sieht in seinem komplexen Hilfeleistungssystem eine optimale und bewährte Versorgungsstruktur, welche es beizubehalten gilt und betrachtet die derzeitigen Tendenzen über die Vergabe rettungsdienstlicher Leistungen sehr kritisch“, betonte Werner Kuhn.

DRK-Landesarzt Dr. Bernd Müllejans verwies u.a. auf die aktuelle Situation im gesundheitlichen Bevölkerungsschutz. „Katastrophen, Krisen und Terroranschläge gehören zu den neuen Einsatzszenarien für die Notfallmedizin, den Rettungsdienst und die Akteure der Gefahrenabwehr. Dies zieht eine Änderung der Konzepte der Sicherheits- aber auch der Gesundheitspolitik mit sich“, sagte er.

Ralf Iwohn, Referatsleiter in Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern, unterstrich, dass sich aus der aktuellen Sicherheitslage neue Herausforderungen für den Rettungsdienst ableiten. Hier bedürfe es der engen Abstimmung und Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr sowie neuer Einsatzkonzepte und spezieller Ausrüstungen. „Der intensive und kontinuierliche Austausch der verschiedensten Akteure ist eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass der Rettungsdienst als Teil der Daseinsvorsorge auch künftig seinen Aufgaben gerecht werden kann“, sagte er und nannte als Beispiel die Zusammenarbeit im Landesbeirat für das Rettungswesen, in dem neben dem DRK auch alle anderen wesentlichen Akteure mitwirken.

Frank Niehörster, Abteilungsleiter Polizei, Brand- und Katastrophenschutz im Ministerium für Inneres und Europa Mecklenburg-Vorpommern sprach zur Sicherheitslage, die sich in den letzten zwei Jahren deutlich verändert hat. Durch neue Bedrohungslagen, z. B. durch den islamistischen Terrorismus, Linksextremismus, Amokläufe und Anschläge komme es zu einem veränderten Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Außerdem seien erhöhte Fallzahlen bei Straftaten gegen Polizeibeamte und Rettungsdienstmitarbeiter zu verzeichnen. Die am 30. Mai 2017 in Kraft getretene Änderung des Strafgesetzbuches soll deshalb zu einem verstärkten Schutz von Rettungskräften vor Straftaten beitragen.

Innenminister Lorenz Caffier würdigte in seiner kurzen Ansprache vor allem das Engagement des Roten Kreuzes beim Aufbau der drei Einheiten der Medical Task Forces. Er sieht diese Spezialeinheiten als wichtige Ergänzung des Katastrophenschutzes, die bei besonderen Gefahren und Massenanfällen von Verletzten zum Einsatz kommen.

Mit großem Interesse verfolgten die Teilnehmer des Symposiums den Vortrag von Dr. Rolf Erbe, Stellvertretender Vorsitzender vom DRK-Kreisverband Berlin City und Fachgebietsleiter an der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie. Er schilderte anhand von Mitschnitten einer Helmkamera seinen Einsatz nach dem Terroranschlag am 19. Dezember 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, wo zwölf Menschen starben und 67 teils schwer verletzt worden sind. Eindrucksvoll beschrieb Erbe die Situation und berichtete über wertvolle Erfahrungen und Schlussfolgerungen, die aufgrund dieses Einsatzes gezogen wurden.

Über die neuen Anforderungen an Notärzte bei solchen und anderen Terrorlagen berichtete DRK-Bundesarzt Prof. Dr. Peter Sefrin. „Neue Dimensionen erfordern neues Denken“, betonte er.

Verdeutlicht wurde diese Aussage u. a. durch den Vortrag von Chaim Rafalowski. Der Disaster Management Coordinator einer Hilfsorganisation in Israel, welche im staatlichen Auftrag den Rettungsdienst betreibt, erklärte nicht nur, wie dieser in seinem Land organisiert ist, sondern vermittelte gleichzeitig wichtige Erkenntnisse bei der Behandlung von Betroffenen mit lebensbedrohlichen Verletzungen aufgrund von Bombenanschlägen. „Leider haben wir damit weitreichende Erfahrungen“, sagt er und: „Leider sind wir den Terroristen immer einen Schritt hinterher, denn sie lassen sich fast jedes Mal etwas Neues einfallen“, beschreibt er seine Tätigkeit zwischen Trauma und Routine. Doch die Helfer vom Israelischen Roten Davidstern halten dagegen – mit 14.000 Life Guardians, das sind zum größten Teil Krankenschwestern, Ärzte und weiteres medizinisch geschultes Personal. Sie alle verfügen über Notfallausrüstungen, die sie in privaten Autos mit sich führen und über eine Notfall-App, mit deren Hilfe sie jederzeit zu einem Einsatz gerufen werden können – weil Anschläge dort alltäglich sind.

„Früher schauten wir mit Bedauern auf Terrorlagen in fernen Ländern. Heute müssen wir uns damit abfinden, dass wir den Terror auch bei uns haben“, sagte Dr. Johannes Richert, Stellvertretender DRK-Generalsekretär. Abschließend verdeutlichte er die Aufgabe der Nationalen Hilfsgesellschaften. „Wir haben ein Mandat, bestimmte Dinge zu tun, und im Gegensatz zu anderen Vereinen auch eine hoheitliche Wahrnehmungspflicht“, sagte er und sprach die Erwartung aus, dass das Rote Kreuz von staatlicher Seite die notwendige Unterstützung erhält.

Text und Fotos: Christine Mevius

13. September 2017 14:15 Uhr. Alter: 72 Tage