Was passiert, wenn ein Mensch vermisst wird – mitten in der Nacht, bei Kälte, vielleicht ohne Jacke? Dann werden Menschen alarmiert, die sofort losfahren. Menschen wie Annette Quandt.
Die Tierärztin aus Greifswald leitet seit vielen Jahren ehrenamtlich die Rettungshundestaffel Ost-Vorpommern-Greifswald. Gemeinsam mit ihren Hunden sucht sie nach Vermissten – oft unter schwierigen Bedingungen und immer unter Zeitdruck. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Im Gespräch berichtet sie, was Rettungshundearbeit wirklich bedeutet: Vertrauen in den Hund, Entscheidungen unter Druck – und Einsätze, die nicht immer gut ausgehen.
Das Interview führte Antje Habermann.
„Wenn der Alarmton geht, schaltet man sofort in den Einsatzmodus“
Frau Quandt, es gibt Tage, da stehen Sie morgens noch in Ihrer Tierarztpraxis – und abends klingelt das Telefon, weil ein Mensch vermisst wird. Was passiert in diesem Moment bei Ihnen, wenn Sie von der Tierärztin in die Einsatzrolle wechseln?
Wenn der Pieper mit dem nicht so schönen Alarmton geht, muss ich zuerst telefonieren, um zu erfahren, worum es überhaupt geht. Danach wird der Rest der Truppe alarmiert. Wir sind in Mecklenburg-Vorpommern eine Einsatzkooperation: Staffeln vom ASB, vom DRK, von den Johannitern, Maltesern und vom BRH gehen gemeinsam in Einsätze.
Bei uns wird dann über „Divera“ alarmiert – das nutzt auch die Feuerwehr. Damit erreicht man sehr schnell viele Menschen gleichzeitig. Dann kommen die Rückmeldungen: Man zieht sich um, packt die Hunde ein und fährt zum Treffpunkt. Dort wird besprochen, was passiert ist, wer vermisst wird und wo wir suchen.
Dann ist man im Einsatzmodus. Das geht eigentlich sehr schnell. Ich mache diese Arbeit seit fast 30 Jahren – da wird vieles zur Routine.
„Wenn das Geschirr drauf ist, hat der Hund die Führung“
Bei Einsätzen sind Kälte, Dunkelheit und Zeitdruck oft Realität. Wie sieht ein solcher Moment aus, wenn Ihr Hund eine Spur aufnimmt?
Sobald das Geschirr drauf ist, weiß der Hund: Jetzt geht es los. Dann hat der Hund die Führung – und ich bin im Grunde der Mitläufer. Natürlich beobachte ich genau, was der Hund macht und welche Signale er zeigt. Das lernt man mit der Erfahrung. Man kennt seinen Hund irgendwann sehr gut und kann ihn „lesen“.
Meine Aufgabe ist es vor allem, dem Hund in bestimmten Situationen zu helfen – zum Beispiel, wenn eine Spur durch Wind verweht wird oder der Geruch irgendwo endet und von einer anderen Straße herüberzieht. Dann kann man gemeinsam noch einmal eine andere Richtung prüfen.
Aber grundsätzlich gilt: Der Hund muss diesen Job machen. Ich habe die Nase nicht und weiß nicht, wo der Geruch sein könnte. Deshalb ist Vertrauen entscheidend.
„Der Hund möchte die Person unbedingt finden“
Was macht einen guten Rettungshund aus?
Die besten Einsatzhunde wollen diese Arbeit aus eigenem Antrieb machen. Sie wollen unbedingt diese Person finden. In der Ausbildung versuchen wir genau das zu erreichen: Der Hund soll lernen, dass es das Tollste ist, was ihm passieren kann, nachts loszugehen und einen Menschen zu suchen. Wenn das gelingt, hat man einen Hund, der mit echter Leidenschaft dabei ist und immer sein Bestes gibt.
Das heißt natürlich nicht, dass man jede Person findet. Manchmal ist das schlicht nicht möglich. Für den Hundeführer ist das eine schwierige Erkenntnis.
Als Menschen glauben wir oft, wir wüssten es besser – etwa weil jemand gerne zum Wasser geht oder häufig am Strand ist. Aber solche Gedanken dürfen wir nicht auf den Hund übertragen. Der Hund verlässt sich nur auf seine Nase. Wenn wir ihn beeinflussen, kann das sogar hinderlich sein.
Eine Entscheidung unter Druck
Gab es einen Einsatz, bei dem Sie besonders deutlich gespürt haben, wie groß Ihre Verantwortung ist?
Ja, daran erinnere ich mich gut. In Tutow wurde einmal ein Bewohner eines Seniorenheims vermisst. Der Mann hatte früher auf dem dortigen Flugplatz gearbeitet. Der Flugplatz ist komplett eingezäunt. Am Abend zuvor hatten bereits Polizeihunde gesucht, und ein Hubschrauber war im Einsatz gewesen.
Am nächsten Morgen wurden wir alarmiert. Meine Hündin lief zu einem Zaun und zeigte dort sehr deutlich an, dass sie auf die andere Seite wollte. Der Wind kam über den Zaun zu uns. Auf etwa hundert Metern lief sie immer wieder am Zaun entlang und zeigte: Dort muss es sein.
Zunächst hieß es, das könne nicht sein – der Flugplatz sei ja eingezäunt. Ich schaute mir die Karte an und entdeckte in dieser Richtung ein kleines Waldstück mit einem See. Das passte auch zur Windrichtung.
Der Hubschrauber sollte nach dem Tanken noch einmal dort suchen. Als wir selbst gerade dorthin fahren wollten, kam bereits die Meldung über Funk: Die Person wurde gefunden – genau an dieser Stelle. Zwischen Hund und Fundort lagen etwa 600 Meter Luftlinie. Aber bei dem Wind war es möglich, dass der Geruch so weit getragen wurde.
Der ältere Herr hat überlebt. Es war Winter, es war gefroren. Ohne die schnelle Suche hätte er das vermutlich nicht geschafft.
Wenn Einsätze kein Happy End haben
Nicht alle Einsätze gehen gut aus. Wie gehen Sie damit um?
Das stimmt. Wir suchen auch nach suizidalen Personen.
Da muss jeder für sich entscheiden, ob er damit umgehen kann. Ich sehe es so: Wenn jemand diesen Weg unbedingt gehen möchte, wird er es irgendwann schaffen. Das darf man nicht zu nah an sich heranlassen, sonst kann man diese Arbeit nicht lange machen.
Gleichzeitig hilft unsere Arbeit den Angehörigen. Wenn jemand gefunden wird, wissen sie, was passiert ist. Sie können Abschied nehmen und müssen nicht mit der Ungewissheit leben.
Bundesverdienstkreuz für jahrzehntelanges Engagement
Für Ihr Engagement wurden Sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was bedeutet diese Anerkennung für Sie – und für die Rettungshundearbeit?
Ich wünsche mir vor allem, dass dadurch sichtbarer wird, wie viel ehrenamtliche Arbeit dahintersteht.
Viele Einsätze finden nachts statt. Deshalb bekommt die Öffentlichkeit das kaum mit. Selbst Polizisten fragen uns manchmal nach einem Einsatz: „Wie lange habt ihr denn noch Dienst?“
Und wir antworten dann: Wir machen das ehrenamtlich. Wenn es sechs Uhr morgens ist, müssen wir um zehn vielleicht schon wieder zur Arbeit.
Im Unterschied zur freiwilligen Feuerwehr gibt es für unsere Arbeit keine gesetzliche Freistellung. Wir müssen mit unseren Arbeitgebern sprechen, ob sie uns unterstützen. Und manchmal geht es schlicht nicht – etwa wenn jemand in einem Beruf arbeitet, in dem ohnehin Personal fehlt.
Das sind Dinge, die viele Menschen nicht wissen.
„Wir können nur unser Bestes geben“
Was bleibt bei Ihnen nach einem Einsatz – wenn Sie nach Hause kommen und die Spannung langsam nachlässt?
Wir können nur unser Bestes geben. Ob es am Ende zum Erfolg führt, liegt nicht vollständig in unserer Hand.
Ich sage auch immer zu unseren Flächensuchhundeteams: Wenn zehn Hunde im Einsatz sind, kann maximal einer die Person finden. Die anderen haben trotzdem gute Arbeit geleistet – sie haben nur in einem Gebiet gesucht, in dem die Person nicht war.
Jeder im Einsatz trägt seinen Teil bei: Hundeführer, Helfer, Einsatzleitung oder Fußtrupps.
Natürlich fragt man sich manchmal hinterher, ob man noch etwas hätte tun können. Manchmal gibt es tatsächlich Dinge, die man hätte anders machen können – aber oft liegen die Entscheidungen nicht bei uns.
Wichtig ist: Wir haben es versucht.
„Man kann nur immer wieder losgehen“
Was würden Sie Menschen sagen, die überlegen, sich ebenfalls zu engagieren – aber Respekt vor der Verantwortung haben?
Man kann nur immer wieder losgehen.
Oder man entscheidet irgendwann für sich: Ich bin an einem Punkt, an dem ich das nicht mehr machen möchte.
Solange dieser Punkt nicht erreicht ist, mache ich weiter.
